Housing. somehow. whatsoever.

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Wir bauen ein Haus. War der Plan.
Dann hatten wir ein Grundstück. Und plötzlich trotz Plan keinen Plan.
Von diesem Nestbau- und Zuhausegefühl, das einfach nicht eintreten will. Und einer Frage, die sich plötzlich stellt und im Raum steht, obwohl man dachte, man hätte eigentlich längst eine Antwort gefunden.

Eigentlich war die Sache von Anfang an klar. Wir wollten keine Mieter mehr sein. Uns unabhängig machen. Nicht unbedingt finanziell, das ist bei den Preisen und einer notwendigen Finanzierung ja derzeit auch kaum möglich. Wenn auch viel günstiger als noch vor wenigen Jahren. Dennoch will alles am Ende bezahlt sein. Egal wie man’s dreht und wendet. Aber wir wollten im Kopf unabhängig sein. Uns frei fühlen. Zwar nicht in Bezug auf einen finanziellen Vorteil, aber wenigstens in Bezug auf das Wohnen selbst. Das SEIN. Wir wollten uns frei machen. Vor allem von den Launen, Stimmungsschwankungen und Gewinnmaximierungsplänen fremder Menschen, diesen Vermietern, die eigentlich nichts anderes im Sinn haben, als ihr Eigentum meistbietend an den Mann zu bringen, um dann Ansprüche stellen zu können und dem jeweiligen Mieter Schrägstrich Leibeigenen auch noch das Gefühl zu geben, nichts wert zu sein. Mieter, sei still und zahl. Aber tu mir einen Gefallen, und fass nichts an. Nagel in die Wand? Spinnst du. Pfleg mir aber bloss den hochwertigen Parkettboden, den ich beschissen verlegen und nicht behandeln lassen habe. Um dich zu ärgern. Und um mir am Ende der Vertragslaufzeit ein wenig Extrageld in die Kasse spülen zu können. Denn wehe, der Parkettboden sieht nach drei Jahren aus, als wärst du drüber gelaufen. Dann kriegst du deine Kaution nicht wieder. Und ja ich verallgemeinere gerade mit Absicht. Denn dabei ist es völlig egal, ob der Vermieter ein kleiner freundlicher älterer Herr mit nur einer Immobilie, angeschafft zur Altersvorsorge ist oder ein Privatinvestor, ein Bauunternehmer, eine Genossenschaft oder eine Wohnungsbaugesellschaft. Am Ende geht es bei allen nur ums Geld. Mietraumbeschaffung ist kein soziales Projekt. Niemals. Nicht einmal bei den sozialen Projekten. Die haben schliesslich auch nichts zu verschenken. Warum auch.

Wir hatten die Nase voll von befristetet Mietverträgen, Mietindexanpassungen, versteckten Mieterhöhungen und der Tatsache, dass wir als Mieter eigentlich kein Mitspracherecht haben. Wir hatten die Nase gestrichen voll von dieser Einstellung der meisten Vermieter, die da gerne mal so oder so ähnlich lautet wie folgt: “Ich bin der Vermieter, also der Gutmensch, du bist nur der Mieter, also derjenige, der nichts erreicht hat. Sonst hättest du genug Geld, so wie ich, der Vermieter, und hättest selbst Eigentum erworben. Hast du aber nicht. Also hast du nichts geleistet im Leben, im Gegensatz zu mir, denn ich vermiete. Weil ich so geil bin. Und du als Mieter kannst dich glücklich schätzen, dass du zahlen darfst, musst dafür aber zusätzlich auch danke sagen und bitte wenn möglich gefälligst anspruchslos stillschweigend wohnen. Am besten wäre es zudem, du fasst während der Mietdauer nichts an, bist den ganzen Tag nicht zuhause und hinterlässt die Wohnung nach Ablauf des Mietvertrages frisch renoviert und bevorzugt schöner als zuvor. Übrigens erhöhe ich die Miete nicht, weil ich so nett bin, aber selbstverständlich gibt es eine Wertindexanpassung, jährlich. Und nach der Laufzeit von drei Jahren weiss ich noch nicht, ob du weiter wohnen darfst. Mit der Bitte um Zustimmung, herzlichen Dank, dein Vermieter.” 

Wir sind es leid.

Nicht nur, dass man für das Wohnen schon lange nicht mehr 30 % seines Einkommens einkalkulieren kann, sondern mittlerweile weit über 50% in die Hand nehmen muss. Ja, so viel ist das manchmal. Rechnet doch selbst mal nach. Dafür bekommt man dann aber nicht die Luxusausführung, die man für diesen Preis erwarten können sollte, sondern lediglich etwas zum Wohnen. Mehr springt dabei oft nicht raus. Bitte bloss keine Ansprüche stellen. Wo kämen wir denn da sonst hin? Gewinn maximiert sich nicht von alleine. Dafür muss man schon jemanden ausbeuten dürfen. Also ich bitte sie. Es kann schliesslich nicht für alle gleich laufen. Das wäre ja dann gerecht. 

Wer sich beschwert riskiert, seinen Mietvertrag nach Ablauf nicht verlängert zu bekommen.

Die Gesellschaft schluckt und akzeptiert. Was soll sie sonst auch machen. Wer sich beschwert riskiert, seinen Mietvertrag nicht verlängert zu bekommen. Also bleibt man lieber still, schweigt, zahlt und resigniert. Da muss es dann schon egal sein, dass der Bodenbelag Wellen schlägt, die Fensterrahmen Frischluftfanatiker sind und das ganze Jahr über eine frische Brise durch die Wohnung zieht, dass der Kühlschrank Baujahr 1804 ist und die Armaturen so montiert sind, dass das Wasser in Küche und Bad zwar läuft, nur leider nicht dahin, wo man es eigentlich bräuchte. Der Keller ist nach einem flotten Fussmarsch von gefühlt mehrerer Kilometern zu erreichen, der Tiefgaragenplatz natürlich nicht im Preis inklusive, die Nachbarn sind laut und die Gegensprechanlage funktioniert nur, wenn man mit dem Handy daneben steht und angerufen wird. Ein tropfender Wasserhahn kann schon mal zur Wissenschaft werden, wenn die Hausverwaltung jeglichen eigenmächtigen Eingriff untersagt, stattdessen einen Experten vorbeischickt, der zwar nicht weiss wie man einen Wasserhahn aufschraubt, stattdessen aber die Einkaufspreise des hochwertigen Gerätes in Klugscheissmanier in jeden zweiten Satz einfliessen lässt und sich gleichzeitig empört, wie man als Mieter nur auf die Idee kommen kann, selbst Hand anlegen zu wollen. Schliesslich war der Bodenbelag teuer und Mieter die einen tropfenden Wasserhahn störend finden, sind sowieso überempfindlich. Das Tropfen sei schliesslich nicht so schlimm, wenn man ein Handtuch drunter legt. Bei diesem exklusiven Endgerät wäre der Wasserschaden übrigens nicht weit entfernt, dafür braucht es einen Profi und zudem wäre der hochwertige Boden in Gefahr und ob die Versicherung das zahlen würde, bleibe dahingestellt. Spricht es schlau aus dem Haustechniker, während er nach Werkzeug fragt, die Leitung zum teuren Endgerät kappt und sich das restliche Wasser in der Leitung statt in den vorab fachmännisch abgelehnten Eimer auf den Luxusboden ergiesst. Ob wir vielleicht einen Lappen hätten? 
Als Mieter von dezent unterbelichtetem Hausverwaltungsfachpersonal oder [hier den Vermieter der Wahl einfügen] wie ein Idiot behandelt zu werden, zu doof zum Wohnen, macht doch immer wieder froh und glücklich.  

Auf Dauer will man das einfach irgendwann nicht mehr. Und ist zudem zusehends genervt. 

Wohnen wird zum Luxus.

Frei nach dem Motto: Kannst du dir deine Miete noch selber leisten oder hilfst du bereits auch schon mit deinen Vermieter mittels Wohnamt indirekt zu subventionieren? Egal solang keiner merkt, dass Wohnbeihilfen indirekte Subventionen absurd hoher Mieten sind. In unserem Wohnumfeld kostet der Quadratmeter Miniappartment, Entschuldigung Mikroloft, Wohnatelier oder Miniloft, gerne auch Gardenliving, Townhouse oder UrbanHome genannt, um die 23 Euro. Das leiste sich, wer kann. Die meisten können das sowieso längst nicht mehr. Darum lassen wir uns beengt in ein 35 – 44 qm Appartment quetschen. Damit das mit dem überzogenen Quadratmeterpreis nicht gleich so auffällt, werden alle potentiellen Bewerber vom geschulten Immobilienexperten mit esoterisch angehauchtem Geschwurbel professionell überschüttet und nahezu mundtot gemacht. Urban Living, ganzheitlich abgestimmt auf den jeweiligen Mensch und seine Bedürfnisse, alles regional hergestellt und der Umgebung angepasst. Green, Eco, Sustainable. Selbstverständlich. Laktosefreier Boden, vegane Fliesen, Luxuswasser aus dem Luxusendgerät. Duschkopf mit Regenfunktion, Klospülung mit Ambientlicht je nach Stimmung einstellbar, der Boden selbstverständlich aus heimischem Holz, gerade erst frisch geschlagen, die Haustür filtert selbstständig aus, wem sie sich öffnet. Zeugen Jehovas Firewall sozusagen. Der Boiler hat ein Greenlabel aufgeklebt. Eco selbstverständlich. Schwupps fällt einem nicht sofort auf, dass man in einem 41 qm Bums steht und eigentlich für viel Geld keinen Platz mehr für Möbel hat. Geschweige denn zum Atmen. Und wenn man genau hinguckt, ist die Hälfte des eingebauten Einbaus nur oberflächlich schick und tatsächlich aus dem schwedischen Möbelhaus, dessen Name mir gerade entfallen ist. Der Resteinbau einfach nur das, was überall sonst auch verbaut wird. Bauhaus-Armaturen in schicker Optik täuschen gerne darüber hinweg, dass dem Vermieter mehr an Gewinnmaximierung als an Wohnqualität gelegen ist. Oberflächlich hübsch, genau betrachtet nicht mehr so ganz. Minimalistisch ist das Zauberwort der Stunde. Reduktion aufs Wesentliche. Bett, Boden, Wasserhahn. Der Fernseher steht in der Garderobe, das Klo hinter der Schiebetür im Wandschrank zwischen Boiler und Sicherungskasten. Wer gleichzeitig kochen und stehen will, muss das Bett hochklappen, den Klappstuhl zusammenklappen und die Arbeitsfläche runterklappen. Campinggefühl in der Neubau-Wohnung. Ohne Balkon, dafür das Panoramafenster mit Blick auf die laute Hauptverkehrsstrasse. Urban living. Am Puls der Stadt. Verkehrsgünstig gelegen. Der Tiefgaragenplatz kostet natürlich extra. 120 Euro. Ein Schnäppchen. Der individuell eingepasste architektonisch ins Gesamtbild gekünstelte Mülleimer bietet sich da zum Kotzen an. Formschön und selbstverständlich erhältlich in der jeweiligen Farbe des Jahres. Kostet allerdings extra. Man gönnt sich schliesslich sonst nichts.

Der Mieter dankt es mit jährlichen Zusatz-Zahlungen, Nachzahlungen, Wertindexanpassungen, Sondergebühren, Vertragsgebühren, Provisionen und der Option auf eine jährliche Mieterhöhung nach jeweiliger Marktlage. Damit der Marktpreis nicht kaputt gemacht wird. Der Markt regelt das schliesslich von alleine. Lage, Lage, Lage. Das hat einfach seinen Preis. Das muss man schon verstehen. Wohnen will bezahlt sein. Die Welt gehört schliesslich nicht allen. Und Platz gibt es nur für diejenigen unter uns, die Geld haben. Man bittet um Verständnis.

Aber es gibt da ja diverse Alternativen. Wie wäre es denn mit noch weniger Platz für noch mehr Geld.

Reduzieren aufs Wesentliche. Nachhaltigkeit. Marie Kondo Living. Alles so zusammenlegen, dass es in eine Schublade passt. Wenn möglich auch sich selbst. Tiny Living. Mein persönliches Unwort der letzten Jahre. Der unfassbar absurd überhitzte Immobilienmarkt trägt stündlich dazu bei, dass einem bei diesem Begriff das Kotzen kommt.
Wer sich heutzutage nicht reduziert, hat es nicht verstanden. Wir müssen alle aussortieren. Uns zurücknehmen. Aufs Wesentliche konzentrieren. Auf wenige Quadratmeter beschränken. Findige Damen erfinden lukrative Nebentätigkeiten, in dem sie uns erklären, was wir alles nicht brauchen und wie wir das Wenige, das bleibt, sinnvoll in den Schrank stapeln. Natürlich für ein stattliches Honorar. Das Zusammenlegen der letzten drei noch verbliebenen Fairtrade-Nachhaltigkeits-Bio Shirts will schliesslich gut durchdacht sein. Dafür braucht es Experten. Überteuert, überkandidelt, überflüssig. Aber das merkt leider keiner mehr.

Zero Waste. Zero Plastic. Zero Furniture. Zero Clothes. Zero Consumption. Zero Breathe. Alles zum Wohle der CO2 Bilanz. Oder was?

Brauchen wir denn wirklich all das, was wir besitzen? Reicht es denn nicht, weniger Platz zu haben?

Ordnung ist das halbe Leben, hat schon die Oma gesagt. Leicht gesagt in einem Eigenheim mit 17 Zimmern. Oder einer Altbauwohnung mit 200 qm, einem Mietvertrag bis zur Unendlichkeit und einem vertraglich festgelegten Mietpreis von 200,- DM für den Rest des Lebens inklusive Schränken und Kommoden im Überfluss. Alte und reiche Leute können leicht weise vor sich hin klugscheissen, wenn die Umstände dazu passen. Geld ist mir nicht so wichtig, sagt der Millionär. Ich reduziere mich gerne aufs Wesentliche und brauche eigentlich nicht viel, sagt der Immobilienbesitzer mit mehreren Wohnsitzen verteilt über die ganze Welt. 

ALLES NUR BLAHBLAH… 

Und wir lassen uns einlullen. Von Wohnexperten, Ordnungscoaches und Wie-lege-ich-ein-Tshirt-richtig-zusammen-Lehrmeistern. Hatte ich schon erwähnt, dass ich kotzen könnte? Denn was bei diesem ganzen Blahblah nicht erwähnt wird ist die Tatsache, dass der Wohnraum durch unser nicht zu Ende gedachtes Reduzieren aufs Wesentliche nicht günstiger wird. Im Gegenteil. Wir zahlen mittlerweile für eine knapp 60 qm Wohnung das doppelte als zuvor für unsere 104 qm Wohnung. So viel wie wir in diesem Früher für eine Villa im Grünen mit parkähnlichem Grundstück bezahlt hätten, hätten wir das als Option erwogen. Hatten wir aber nicht. Weil das keiner bezahlt hätte. Damals, in diesem Früher. Eine 40 qm Wohnung für umgerechnet 2400 DM! Das wäre jenseits jeglicher Vorstellungskraft gewesen. Aber das ist heute Realität. 44 qm für 1200 Euro kalt sind keine Seltenheit mehr. Das alles hat doch mit Reduktion nichts mehr zu tun, sondern nur noch mit Gewinnmaximierung für Immobilieninvestoren. Weniger Raum kann für mehr Geld angeboten werden. Praktisch. Und das ganze verkauft man als Mikroloft oder Ministudio oder Atelier, gerne gekrönt mit einem Modern Living Schriftzug. Alles optimiert, sie zahlen nur für den Wohnraum, den sie auch brauchen. 

Pfffff!

Wer legt denn fest, was ich brauche? Oder brauchen will? Das hätte ich doch gerne noch selbst bestimmt.

Aber damit ists schon lange vorbei. Einer 4 köpfigen Familie reichen 56 qm. Dafür bekommt der Projektentwickler eine Förderung, das ist so festgelegt, da gibts eine DIN irgendwas für, das ist jetzt so. Basta. Lebst du noch oder quetscht du dich auch schon in den überteuerten Pseudo-Architekten-Schuhkarton? 

Selbst das Tiny House wird zum Luxusobjekt.

Meine besonderen Lieblinge sind derzeit die Tiny House Befürworter. Ein Haus aus Spanplatten, gerne mit meinem Lieblingsmaterial OSB Platte verkleidet, günstig im Baumarkt zu erwerben, auf einen Anhänger montiert, gerne am Ende angeboten für den Quadratmeterpreis einer überdurchschnittlich teuren Wohnung wird von den Hipster-Aussteigern Schrägstrich Söhnen und Töchtern reicher Eltern zum Kultobjekt erhoben und zum Ziel der Begierde. Zum Nonplusultra. Der heilige Gral des Wohnens. Wer das nicht versteht, hat nichts verstanden. Wohnst du nicht minimal, bist du nicht vegan, dann wird das mit dir und diesem Leben sowieso nichts mehr. Koste es, was es wolle. 

Zwischen 80000 – 120000 Euro für ein knapp 24 qm grosses Wohnklo ist alles, was man braucht. Sagt der, der es in den Augen vieler richtig macht. Darf ich da mal kurz einhaken? Ohne urteilen zu wollen. Ich errechne einen Quadratmeterpreis zwischen 3000 – 5000 Euro. Keine Mauern, kein Grundstück, kein Keller, kein Platz inklusive. 

Hinstellen darf ich mein überteuertes Spanplatten-Wohnklo allerdings dann übrigens leider nirgends. Aber ich hab vergessen, dass die Individualminimalisten unserer Zeit ihr Luxus OSB Wohnprojekt ja meist bei Mama im Garten aufstellen dürfen, inklusive Stauraum in Garage und Keller für die Dinge, die im Mikrobums keinen Platz finden. Mountainbike, E-Bike, Snowboard, Skiausrüstung, Surfbrett und sonstiger Klimbim will schliesslich auch wohnen. Nur nicht im MInimobilehome. Da ist leider kein Platz. Ach ja, und wenn man schon zuhause wohnt, kann man die elterliche Waschmaschine vielleicht gleich mit nutzen. Ist nachhaltiger, wenn man sich keine eigene kaufen muss. Verstehe.

Für mein alternatives Gelebe brauche ich dann nur noch ein Konto mit Guthaben oder eine Bank die das nachhaltige Glück finanziert, eine Baugenehmigung, einen Einreichplan und nicht zu vergessen, ein Grundstück mit Anschlüssen an den Kanal. Leider hat diese Art zu wohnen so viel mit Reduktion aufs Wesentliche zu tun wie eine vegane Soja-Avocado-Chiasamen-Kokos-Mangochutney-Bowl mit regionalem Essen und entsprechender Nachhaltigkeit. Ausser man lebt in Südamerika. Oder Thailand. Oder wo auch immer das alles zusammen auf einem Feld wächst.

Aber mich fragt ja sowieso wieder keiner.

Wohnen wird nicht nur zum Luxus, wohnen wird zur totalen Herausforderung. Wir wüssten beim derzeitigen Immobilienmarkt nicht, wo wir wohnen sollen, wenn wir morgen aus unserer aktuellen Wohnung ausziehen müssten. Als wir aus unserer alten Wohnung wegen “Eigenbedarf” mussten, weil unser langjähriger Vermieter im Alter von über 80 auch noch an Gewinnmaximierung dachte, wollten wir als Übergangslösung in eine kleine Wohnung ziehen, um etwas Geld zu sparen. Ein Blick auf den Immobilienmarkt hat uns gezeigt, dass das nur in Ostsibirien oder in Südpanama möglich ist. Das erschien uns dann doch etwas absurd. Und unpraktisch. 
Ein Lagerraum, um unsere Möbel zwischenlagern zu können, hätte zudem ungefähr so viel gekostet wie das, was ich erwartet hatte, für ein kleines Apartment zahlen zu müssen. Haltet uns für kleinlich, aber wir wollten einfach nicht  einen Lagerraum für 350 Euro mieten zu den Mietkosten von 850 Euro für ein 25 qm Apartment. Das ist doch lächerlich.  

Unsere Suche glich daraufhin einer Wallfahrt ohne Ziel. Von absoluter Demut über Selbstgeisselung bis hin zu kurzfristiger Erleuchtung war alles dabei. Wir hatten uns schon kurz überlegt, vorübergehend eine hübsche Brücke zu beziehen. Familienmitglieder hatten abgelehnt, uns vorübergehend in ihren leeren Stockwerken wohnen zu lassen. Nächstenliebe hört an der eigenen Wohnungstür auf. Also bitte. Wir erwarten Verständnis. Auch vorübergehende Anmietung von Lagermöglichkeiten wurden nicht in Erwägung gezogen. Das leere Zimmer, das seit Jahren nicht genutzt wird, kann leider nicht vermietet werden, weil wir gerade jetzt anfangen zu renovieren. Und zwar alles. Und das sofort. Jetzt, wo ihr gefragt habt ist uns das gerade spontan so eingefallen. Tut uns sehr leid. Aber wir hätten gerne geholfen. Ehrlich. Wenn Verwandtschaft nur so weit reicht, dass man einmal im Jahr Alles Gute sagt, dann bleibt man besser allein.

Verwandtschafts Tanten im Wohneigentum seit anno dazumal mit hübschem Erbe und guter alter Rente machten uns Vorwürfe, dass es doch wohl nicht so schwer sein könne, eine Wohnung zu finden. Wir seien wohl zu anspruchsvoll und man müsse doch auch einfach mal etwas anschauen. So der O-Ton. Danke für nichts. 

Just zu diesem Moment fiel uns ein Grundstück vor die Nase. Beschissene Gegend, nicht am Arsch der Welt, aber man konnte ihn von dort aus bereits sehen. Mit guter Verkehrsanbindung, was bedeutet, dass man in der Hauptreisezeit von dort dank der vorbeiführenden Hauptverkehrsroute in diverse Urlaubsdestinationen niemals irgendwohin fahren würde können. 

Aber es war in der Nähe der Verwandtschaft, und es war bezahlbar. Es erschien als Möglichkeit. Und vielleicht auch als Lösung. 

Wir überlegten lange, durchackerten jegliche Optionen und Alternativen – und griffen zu. 

Heureka. Ein Platz auf der Erde gehörte plötzlich uns. Eigentlich sollten wir luftsprünglich Glückseligkeit ausstrahlen. Taten wir aber nicht. Aus irgendeinem Grund war das perfekte Grundstück mit der falschen Lage nicht das, was sich gut anfühlte. Hauptsächlich, weil der ursprüngliche Plan, der Verwandtschaft des Mannes etwas näher zu kommen, bereits von Anbeginn keinen Anklang auf Verwandtschaftsseite fand. Es gab diesseitig weder Freude, noch ein saftiges Hurra. Verhaltenes Schweigen und der bereits genannte Hinweis, sie könnten vorübergehend weder einige unserer Möbel geschweige denn uns selbst in ihre Ferienwohnung aufnehmen, machten uns stutzig. Und erklärten uns schnell die Vermutung, dass das mit der Nähe vielleicht gar nicht so gewünscht ist, wie wir erhofft hatten. Der Herr des Hauses möchte das nicht so gern war die Antwort. Vielleicht möchte er es dann auch nicht so gern, wenn wir in die Nachbarschaft ziehen würden, fiel uns im nächsten Schritt auf.

Dabei hatten wir uns in unseren kühnsten Träumen bereits ausgemalt, wie es sein wird, wenn wir “ums Eck” wohnen würden. Laue Nächte, hübsch dekorierte Terrasse, die Grillen zirpen mit dem Gebruzzel des Grills um die Wette. Prosecco-Bowle mit Blüten, dazu selbst gebackener Kuchen mit Früchten der Saison, der Tandoori brät leise rauchend Aufgespiesstes knusprig. Die Familie sitzt mit Blumen im Haar und Sommerbräune auf der Nase glücklich bei uns am Tisch, geniesst und säuft.

Es war wohl etwas zu romantisch gedacht.

Der Familie scheint es schnurz zu sein, wo wir wohnen. Gratis Erkenntnis des Jahres: willst du Familienanschluss, musst du dir erst die passende Familie suchen. Oder selber eine basteln. Wie heisst es so schön? Familie kann man sich nicht aussuchen, Freunde dagegen schon. Amen. 

A maybe place

Nachtrag.

Wir haben unser Grundstück wieder verkauft. Das Desinteresse der “ums Eck Verwandtschaft” hat uns zu denken gegeben, Corona hat das Gefühl des Nichtgewolltseins verstärkt. Wir wollten nicht in einer Gegend wohnen, die uns nicht glücklich machen würde. In unmittelbarer Nähe von Menschen, die uns nicht um sich haben wollen. Wegen denen wir ursprünglich jedoch die Entscheidung für diesen Platz überhaupt getroffen hatten.

Das fühlte sich nicht gut an.

Zumal wir von allen Seiten nur negative Kommentare erhalten hatten. O-Ton: Was wollt ihr denn da draussen?

Wir wollten Ruhe, Frieden, ein Eigenheim und Familienanschluss. Und keine Mieter mehr sein. Sicherheit und Freiheit. Und ein bisschen etwas von dem guten Gefühl, das Menschen ausstrahlen, die in ihrem eigenen Garten sitzen und eigene Entscheidungen treffen können, die Wände anmalen dürfen wie sie wollen, Nägel in die Wand schlagen, Haken in die Decke schrauben, Bodenbeläge und Badezimmerfliesen aussuchen dürfen. Die Fenster und Türen da haben, wo sie es sich selbst hingeplant haben. Die Steckdosen nutzen können, weil sie da sind, wo sie Sinn machen. Die Nachts um halb drei durch ihr Haus tanzen können, ohne die Nachbarn die drüber und drunter wohnen aufzuwecken. All die Dinge, die Menschen machen, die dort wohnen, wo sie sie selbst sein dürfen. Das wollten wir auch. Aber einer der Hauptgründe war natürlich zusätzlich: wir wollten für unser Geld etwas, das uns gehört. Und was wir uns auch leisten können. Keine Mieterhöhungen mehr, kein Zittern vor der Mietvertragverlängerung. Keine unmittelbaren Nachbarn im Haus. Eigene Ideen verwirklichen können und dürfen, ohne Verbote und Einschränkungen.

Wir sind selber schuld. Wir haben es uns vermiesen lassen. Wir haben zugelassen, dass die Meinung der anderen wichtiger ist als unsere. Wir haben einfach aufs falsche Pferd gesetzt. Wir dachten das wird ganz toll.

Klassischer Fall von HättehätteFahrradkette. Das Leben ist manchmal eben doch ein Arschloch. Und wir stehen wieder einmal am Anfang. Aber wer weiss. Vielleicht war die Entscheidung auch goldrichtig. Wir wären schliesslich in dieser abgeschiedenen Gegend, allein, niemals glücklich geworden. Eigenes Haus hin oder her. Das steht mal fest. Mal sehen, was jetzt kommt. Zunächst steht die nächste Mietvertragsverlängerung an. Ich geh dann schon mal kotzen.

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