Muttertag. Mein persönlicher Endgegner.

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Wenn die eigene Mutter Anfang 50 an Brustkrebs stirbt, nur zwei Jahre nachdem der eigene Vater ebenfalls an Krebs starb, dann ist das gelinde gesagt nicht das, was man sich so unter heiler Welt vorgestellt hat. Besonders, wenn man selbst Anfang 20 ist und eigentlich gerade erst damit anfängt, über eigene grobe Lebensentwürfe nachzudenken. Sporadisch. Nicht gezielt. Die eigentliche Lebensplanung ist noch in weiter Ferne. Man ist hauptsächlich damit beschäftigt, mal zu gucken, wo der Weg denn vielleicht hinführen könnte.


Das mag natürlich nicht bei allen so sein; aber bei mir war das so. Wobei ein Alltag mit zwei krebskranken Elternteilen natürlich generell weit entfernt von dem ist, was man unter normalen Bedingungen versteht. Aber man wird vom Schicksal manchmal einfach nicht gefragt. Man wird stattdessen vor vollendete Tatsachen gestellt. Mit dem dezenten Hinweis: Das ist jetzt so, mach was draus.  
Das alles ist jetzt über 20 Jahre her. Oft sagt man ja, man würde dieses oder jenes, müsste man sich noch einmal entscheiden, genau so wieder machen. Weil letztendlich alles richtig war und sich im Nachhinein als gut erwiesen hat. Und auch wenn vieles vielleicht nicht perfekt war, würde man manche Dinge trotz allem genau so wieder machen.
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Manchmal kann man aber nicht selbst entscheiden. Manchmal passiert es einfach. Und man muss etwas entscheiden, was man nicht will. Ich weiss also nicht, was richtig gewesen wäre. Für mich und mein Leben. Ich weiss allerdings, je älter ich werde, dass vieles davon, was war, nicht gut für mich war. Ich beobachte das bei Freunden und ihren Familien. Was es eigentlich wirklich bedeutet, wenn man seine Eltern noch hat. Und von ihnen über Jahre seines Lebens begleitet und unterstützt wird. Das alles fehlt mir.

Und an Tagen wie diesen, Muttertag, wird es mir umso mehr bewusst.

Wenn man mich fragen würde, ob ich noch einmal alles genau so machen würde, wie damals, würde ich laut NEIN rufen.

Ich weiss allerdings auch nicht so richtig, wie ich es machen würde, wenn ich zurückspulen könnte. Das mit dem Leben, den Entscheidungen, dem Weg.

Ich weiss allerdings, würden meine Eltern noch einmal sterben, ich fürchte ich würde alles genau gleich machen. Denn obwohl ich es schon einmal erlebt habe, wüsste ich nicht, ob ich beim nächsten Mal nicht genauso überfordert wäre wie beim ersten Mal. Und dieselben Fehler machen würde. Und wieder falsch entscheiden würde.

Wobei ich nicht einmal sagen kann, ob irgendetwas falsch war. Oder ein Fehler war. Es fühlt sich nur so an. Als hätte ich mich bei irgendetwas falsch entschieden. Dabei weiss ich weder wobei, noch hätte es für mich eine Möglichkeit gegeben, den Tod meiner Eltern verhindern zu können. Aber man bekommt diese Gedanken nicht aus dem Kopf. Man hat für immer das Gefühl, dass nicht nur die Zeit sondern man selbst mitten im Raum stehen geblieben ist. Und man wartet auf ein “Go for it”. Aber es kommt nicht.


quote: und während du noch träume hast

Heute ist Muttertag. Und für jemanden wie mich, deren Mutter nicht mehr lebt, ist dieser Tag nicht unbedingt der Lieblingstag. Aber ich kann es nicht ändern. Also Augen zu und durch. Auch wenn ich das alles anders entscheiden würde wenn ich könnte.

Meine Mutter starb an Krebs. Ich war zwar vorbereitet, aber nicht bereit.
Es war zu erwarten und kam unerwartet.
Es war vorhersehbar aber nicht wirklich absehbar.
Es dauerte lange, bis sie starb und doch ging alles viel zu schnell.
Ich war immer an ihrer Seite und habe dennoch das Gefühl, nicht da gewesen zu sein, zu wenig getan zu haben.
Ich kann es nicht rückgängig machen. Und auch nicht noch einmal besser machen.
Ich konnte für den Ernstfall nicht üben. Und ich kann auch keine Ratschläge geben, wie man es macht, wenn es so weit ist.
Ich habe es erlebt und durchlebt und habe dennoch keine Ahnung, wie es geht.
Ich weiss nicht was man macht, wenn jemand stirbt.
Ich weiss nur, dass ich es anders machen würde. Wenn ich könnte.
Aber eigentlich weiss ich nicht einmal wie.


Ich habe gerade einen Kuchen im Backofen. An Muttertag habe ich für meine Mama immer einen Kuchen gebacken. Also mache ich das auch weiterhin. Das hilft zumindest ein wenig, das Heimweh zu ertragen. Wenigstens diese Entscheidung kann ich treffen. Und würde es auch immer wieder so machen. Ich backe an Muttertag einen Kuchen für meine Mama. Wie gern würde ich zu ihr fahren und ihn mit ihr zusammen essen. Aber diese Entscheidung darf ich nicht mehr treffen. Das Heimweh wird bleiben. Wahrscheinlich für immer. Diesen Endgegner werde ich wohl nie besiegen.

Nicht meine Entscheidung. Augen zu und durch.

☮︎

honestly, why not?

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