LOCKED DOWN: Sofa, Kühlschrank und zurück.

Wir haben's doch alle geahnt oder? Der Lockdown bleibt noch ein bisschen. "Und täglich grüsst das Murmeltier". Willkommen im Film!

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Der Himmel ist blau und dem Leben ist es egal. Es schneit. Vor dem Fenster hat sich ein zauberhaftes Winterwonderland breit gemacht. Einladend schön. Eigentlich. Schneeengel machen sich nicht von alleine, sagt die Welt. Die Stimmung jedoch sagt “Leck mich”.

Gerade hat die Pandemie entschieden, dass sie noch ein wenig länger bleiben will. Impfstoffe scheinen für die Viren erst einmal kein Grund zu sein, mit ihrer Weltreise aufzuhören. Sie haben all inclusive gebucht. Pauschaltouristen mit einem All-Access-Bändchen am Handgelenk. Sozusagen. Und sie haben allem Anschein nach auch vor, dieses Privileg auszunutzen.

Wir ignorieren das da draussen und gucken ins Fernsehgerät. Männer in hübschen Anzügen stehen hinter Plexiglasscheiben und erklären Dinge, die wir schon kennen und eigentlich nicht mehr hören wollen. Sie verschärfen und beschränken und machen alles richtig. Finde ich. Und trotzdem sitze ich hier auf dem Sofa und habe so langsam das Gefühl, keine Luft mehr zu kriegen. Eine dicke Decke legt sich über meine Sinne. Mein Kopf fühlt sich an wie unter einer Käseglocke, ausgelegt mit Watte und zur Sicherheit noch etwas Ploppfolie drumrumgewickelt. Mein Hirn schaltet auf Standby. Ich gehe zum Kühlschrank und hole mir ein Stück Schokolade. Wenn sich gerade schon alles ein bisschen egal anfühlt, dann mach ich wenigstens dieses egal richtig. Wenn schon denn schon. Und es soll ja bekanntlich gegen Dementoren helfen. Also auch gegen Angst und Leere. Na dann.

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Im Kühlschrank brennt immer Licht.

Der Weg vom Sofa zum Kühlschrank müsste mittlerweile eigentlich wie ein Trampelpfad aussehen. Ich warte auf den Tag, an dem ich feststelle, dass sich dort eine ausgetretene Rinne gebildet hat.

Im Kühlschrank brennt immer Licht wenn ich ihn aufmache. Das macht Hoffnung. Manchmal, wenn es abends dunkel wird, mache ich einfach nur so die Kühlschranktür auf und gucke in den Lichtschein. Das Licht im Kühlschrank ist warm und freundlich. Drinnen stehen, wie Zinnsoldaten aufgereiht, brav vor sich hinwartende bunte Verpackungen und gucken mich erwartungsvoll an. Das finde ich beruhigend und sehr sympathisch.

Runter vom Sofa ist keine Option.

sagt der Mann, und wo er Recht hat…

Unser Sofa ist mittlerweile fast 25 Jahre alt. Wenn es Geschichten erzählen könnte, würde ich wahrscheinlich bei einigen davon rot werden. Es stand mir all die Zeit treu zur Seite. Obwohl es immer wieder vollgekrümelt wird murrt und meckert es kaum. Manchmal quietscht es etwas. Aber es klingt fröhlich, nicht beleidigt. Das beruhigt. Zugegeben, in den letzten Monaten wurde das Sofa mehr als sonst gebraucht. Ich glaube aber es kommt damit gut klar. Lockdown eben. Das Sofa zeigt Verständnis und guckt mit Fernsehen.

Der Lockdown ist ja mittlerweile vollständig im Leben angekommen. Also zumindest in meinem. Ich schätze, so schnell kriegen die meisten von uns dieses Lockdowngefühl auch nicht mehr aus dem Kopf. Selbst dann, wenn alles wieder gut ist. Wann auch immer das sein wird. Rückzug statt Halligalli. In manchen Bereichen finde ich das sowieso gut. Und hoffe, dass es bleibt. Apres-Ski, Ballermann, All-you-can-eat Buffets – ich brauch das alles nicht. Ich finde Abstand halten manchmal sogar ganz angenehm. Ich werde wahrscheinlich generell nie wieder jemandem die Hand geben. Das fand ich sowieso schon immer etwas eklig. Schliesslich waschen sich die meisten Menschen kaum die Hände. Man braucht nur einen Moment in einer öffentlichen Toilette stehen und gucken, um zu wissen, was abgeht. Egal ob im Restaurant oder in einer Shopping-Mall. Fünf Minuten Beobachtung reichen, und man will nie wieder irgendjemandes Hand anfassen.

Strategie: keine.

Man kann auch Überlebensstrategielos glücklich sein! Man muss nur wissen, wie. Unsere Überlebensstrategie in Lockdownzeiten ist eine, die wir uns nicht erst mühsam erarbeiten mussten. Wir haben schlicht keine. Und das hat sich als genau richtig herausgestellt.

Krankhafter Aktionismus führt zu nichts. Ausser Frustration und dem Gefühl, sich selbst nie genug zu sein. Und das hält man auf Dauer einfach nicht durch. Mal ehrlich: Wie oft kann man wirklich das Haus putzen, die Gardinen waschen, den Keller aufräumen, 5000 Teile Puzzles machen, einen Fitnessplan aufrecht erhalten oder Schloss Neuschwanstein aus Streichhölzern nachbauen?
Wir haben keine Pläne gemacht, uns keine Ziele gesetzt oder etwaige Listen geschrieben. Wir haben uns auch keine Projekte vorgenommen, die man sonst so nie macht. Wieso auch? Schliesslich wird es schon einen Grund haben, wieso man bestimmte Sachen auch sonst nie gemacht hat. Man muss nicht immer produktiv sein. Und nicht jeder wird gleich depressiv, nur weil er keine Termine mehr hat. Solange wir uns in dieser Ausnahmesituation befinden müssen wir sowieso langfristig lernen, ohne Ablenkung in Form von Freunden und Veranstaltungen zu existieren. So einfach ist das. Nicht, weil ich klugscheissen will und gerade was besser kann. Im Gegenteil. Ich bin einfach nur realistisch. Wer jetzt nicht lernt, mit sich selbst auszukommen, der bekommt vielleicht so bald keine Gelegenheit mehr dazu. Ich würde es ausnutzen, mal zu gucken, wer man selbst überhaupt ist und ob man denjenigen, den man da findet, eigentlich mag.

Wer nicht mehr weiss, wo ihm der Kopf steht, keine Lust mehr auf Gardinen waschen, Möbel umstellen und irgendetwas reparieren oder renovieren hat und bereits die Schnauze voll von Puzzles hat, der sollte es also vielleicht einfach mal damit versuchen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Wir sind viel zu abgelenkt von uns selbst. Gerade hätten wir alle die Gelegenheit, dies zu ändern.

Kopfkino: Willkommen im Film.

Wir beschäftigen uns jetzt fast ein Jahr gezwungenermassen nur mit uns selbst. Wobei, so ganz stimmt das auch nicht. Wir haben Möbel gerückt. Diverse Male. Allerdings haben wir das vorher auch immer mal wieder gemacht.
Wir haben immer schon gekocht. Auch schon immer neue Rezepte ausprobiert. Lesen, stricken, fernsehen, basteln, World of Warcraft spielen. Nichts davon habe ich vorher nicht gemacht. Die vielen Lockdowns und Ausgangsbeschränkungen haben mich weder kreativer noch schlauer gemacht. Auch nicht achtsamer und strebsamer. Ich bin weder glücklicher noch entspannter. Und dennoch kann ich nicht behaupten, dass es mir bedeutend schlechter geht. Es geht mir anders. Nicht besser. Aber innerlich ruhiger. Irgendwie fast schon klarer. Sofern man innerlich klar werden kann.
Ich glaube, der Lockdown macht mich reifer, was die Sorgen des Lebens anbelangt. Ich sehe Zusammenhänge besser. Und entdecke neue Fähigkeiten. Ich habe zum Beispiel gelernt, anders zuzuhören, zu reflektieren, zu hinterfragen und mir ein eigenes Bild zu machen. Vieles ist nicht nur egal sondern sogar egaler. Termine sind plötzlich wurscht, Freizeitstress findet nicht mehr statt. Leistungsdruck erschliesst sich mir nicht mehr. Wirtschaftsweise, die von Wachstum schwafeln, kommen mir fast schon albern und völlig realitätsfern vor. Vieles von dem, was uns allen vorher so wichtig war, erscheint, je länger wir zuhause bleiben müssen, völlig idiotisch. Mein Weltbild verschiebt sich. Mein Blick auf die Spezies Mensch ändert sich. Mitmenschen, die mir vorher autoritär oder gebildet, beeindruckend, schön oder erfolgreich vorkamen, verlieren ihre seltsame gesellschaftlich vorgegebene Unerreichbarkeit und Unantastbarkeit. Ich habe keine Lust mehr auf dieses eigenartige Gesellschaftsspiel, in dem wir alle seit Jahren feststecken und das wir alle mitspielen ohne es wirklich noch zu hinterfragen. Wir haben uns die letzten Jahrzehnte ein ganz schön seltsames Weltbild geschaffen, das nur noch aus Wachstum, Reichtum, Einfluss, Posts und Likes und ganz viel Selbstdarstellung besteht, Und ich glaube, ich will das alles so nicht mehr. Mein Weltbild rebooted wohl gerade.

Was mich zu diesem neuen Weltbild gebracht hat: seit dem ersten Lockdown gucke ich Nachrichten, was ich vorher nicht so exzessiv betrieben habe. So sehe ich ständig verschiedene Meinungen und denke dadurch viel intensiver über das Leben und die Menschen nach. Das habe ich natürlich vorher auch gemacht, aber nicht so kritisch wie zurzeit. So ein Lockdown macht tatsächlich reflektierter, klüger, nachdenklicher, teilweise sogar philosphischer, kritischer und auch skeptischer als vorher. Wer hätte das gedacht. Man stellt plötzlich vieles infrage, was vorher unbemerkt an einem vorbeigezogen ist. Allem voran den Menschen selbst. Das ist allerdings teilweise sehr ernüchternd. Kopfkino war vor der Pandemie echt einfacher. Ich fühle mich wie in “Und täglich grüsst das Murmeltier” nur ohne die beschissenen Frisuren.

Und trotzdem müssen wir da alle gleichermassen durch. Letzte Woche haben wir aus Intuitions-Gründen, manchmal macht man einfach Dinge die sich nicht erklären, FFP2 Masken gekauft. Heute hat die Pressekonferenz der Minister erklärt, wir brauchen ab demnächst welche für den Einkauf im Supermarkt. Ich finde ja, es war bereits anstrengend und kompliziert genug mit den Stoffmasken. Aber ich kann mir fast nicht mehr vorstellen, wie es ohne war. Also kriegen wir das mit den FFP2 Masken jetzt auch noch hin. Und wenn ich im Supermarkt meinen Vorrat an Schokolade auffülle, freue ich mich schon auf das Licht im Kühlschrank. Und ja, ich werde langsam etwas plemplem. Aber wenns sonst nichts ist…

Kleiner LOCKDOWN-Tipp: Wir haben die ganze Wohnung mit Luftballons dekoriert. Das macht alles sofort etwas fröhlicher und leichter. Man hat so fast das Gefühl, es liegt was besonderes in der Luft. Ganz davon abgesehen, dass Luftballons immer alles schöner machen, vorausgesetzt, man hat hübsche Luftballons.

honestly, why not?

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