STAYHOME DIARY ✗ Tag 11

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Heute ist ein komischer Tag. Ein ungutes Gefühl beschleicht mich. Die vielen Informationen in den Medien tun mir nicht gut.

Jeden Tag muss ich mir gruselige Nachrichten anhören. Manche ergeben keinen Sinn. Gerade erklärt ein Experte das Gegenteil von dem, was ein Boulevardmagazin zwei Minuten später als Schlagzeile nutzt.

Ich habe das Gefühl, wir alle sind die vielen unschönen Meldungen bereits längst leid.

Und dabei stehen wir immer noch erst am Anfang dieser Pandemie. Das Zuhausesein wird langsam anstrengend. Alle haben bereits genug davon und sehnen das Ende dieses irrwitzigen Zustandes herbei. Aber das ist weit und breit nicht in Sicht.

Wir gehen raus. Uns ist eingefallen, dass es auf der anderen Strassenseite, dort wo wir nie einkaufen gehen, einen Drogeriemarkt gibt. Wir wollen nachsehen, ob er auf hat. Ich binde mir dieses Mal ein Tuch um den Hals. Damit ich mir etwas vors Gesicht halten kann, falls nötig. Nicht um mich zu schützen, sondern um allen anderen das Gefühl geben zu können, ich passe auf sie auf. Ich werde wohl langsam paranoid.

In WhatsApp hat ein Familienmitglied Bibelsprüche als Status gepostet. Ich bin leicht irritiert. So sieht die Welt also in den Köpfen der anderen aus. Ich nehme an, der Glaube hilft manchen Menschen in solch hilflosen Momenten.

stay home diary

Ich glaube nicht an den Glauben.

Diese Art von religiösem Glauben ist mir zu widersprüchlich und inhaltlich einfach zu verworren. Aber ich kann verstehen, dass man in solchen Zeiten auf der Suche nach einer Erklärung ist. Und sich manche Schicksalsschläge so leichter ertragen lassen.

Ich bin da jedoch raus. Das ist mir zu abstrakt. Und macht für mich zudem überhaupt keinen Sinn. Und auch wenn sich die Welt gerade ein bisschen nach Weltuntergang anfühlt, so haben wir doch bis jetzt im Laufe der Geschichte nachweislich jede biblische Plage überlebt, ohne danach im Paradies gelandet zu sein.

Die biblische Apokalypse-Theorie scheint also hintenraus inhaltlich etwas zu hinken. Vielleicht hätte man vor der Veröffentlichung doch besser nochmal einen Lektor rangelassen.

Der Drogeriemarkt hat geöffnet. Er ist gruselig. Ich vermisse meinen Lieblingsdrogeriemarkt sehr, merke ich gerade. Aber da kann ich nicht hin. Der ist zu weit weg. Es wäre wohl schwer zu erklären, wieso ich am Ende der Stadt einkaufen gehen, wenn doch bei uns vor der Haustür genügend Geschäfte sind. Und ich kann das auch verstehen. Trotzdem. Es macht so langsam wirklich keinen Spass mehr.

Wir betreten den Laden und sehen uns einer geballten Ladung Unfreundlichkeit gegenüber.

In den Medien heisst es, wir sollen Supermarktangestellte als Heldinnen feiern. Ich hätte vielleicht eine Tüte Konfetti mitnehmen sollen. Denn ehrlich gesagt tu ich mir damit gerade etwas schwer. Sie machen ihren Job. Natürlich. Aber eben auch nur das. Sind gerne mal unfreundlich. Und genervt gegenüber uns Kunden. 

Klar. Es ist ein Virus in der Welt. Und sie setzen sich einem gewissen Risiko aus. Aber tun wir das gerade nicht alle?

Wir blicken uns um. Abstand hält kein Mensch. Auch die Verkäuferinnen nicht. Sie räumen Regale ein. Klar. Das gehört zum Jobprofil. Immer. Auch wenn gerade kein Virus die Welt lahmlegt.

Das ist nicht besonders heldenhaft.

Und sie verlangen von uns Kunden, dass wir ihnen nicht zu nahe kommen sollen. Verständlich. Ich will das für mich auch. Halte deswegen auch überall brav Abstand. Allerdings ist das nicht leicht durchzusetzen, wenn man Waschpulver aus einem Regal braucht, davor jedoch drei Kisten, zwei Rollwagen und eine Leiter stehen. Inklusive Verkäuferin oben drauf. Sollen wir warten, bis die Verkäuferin mit dem Einräumen fertig ist? Das kann dauern.

Die anderen Kunden im Geschäft hingegen machen erfolgreich keinerlei Gebrauch vom Abstand.

Eine Kundin steht mitten im Gang. Sie starrt auf die Küchenrollen. Dann zieht sie ihr Handy aus der Tasche und ruft irgendwen an. Währenddessen bleibt sie stehen wo sie steht. Wir wollen eigentlich vorbei. Aber können nicht. Denn ein Mindestabstand ist so nicht einzuhalten. Wir haben aber auch keine grosse Lust zu diskutieren. Und ein wenn auch dezentes Räuspern wäre wohl gerade nicht ganz so angebracht. Besser also einen Umweg nehmen.

Im nächsten Gang steht eine weitere Verkäuferin die selbigen blockiert, vor ihr zwei grosse Kartons voller Ware. Dabei sind alle Regale bereits gut gefüllt. Dort können wir auch nicht durch.

Wir stehen etwas unschlüssig und verloren zwischen Deorollern und Hundefutter.

Eine dritte Verkäuferin schaut uns böse an. Ich ziehe mein Halstuch etwas höher und fühle mich sehr unwohl in diesem Geschäft. Ich will eigentlich nur noch raus.

Der Blick der Verkäuferin sagt mir, ich bin schuld daran, dass sie gerade arbeiten muss.

Zauberhaft. Sie ist definitiv nicht meine Heldin des Tages. Ich sage etwas freundliches zu ihr. Dass ich es toll finde und so… Was man eben gerade so sagt. Sie guckt mich abschätzend und leicht aggressiv an. Und versteht nichts.

Derweil meckert die Drogeriemarkt-Kassiererin über den Mundschutz. Sie soll einen tragen, will das aber nicht. Der stört. Und man bekommt keine Luft. Sagt sie.

Sie sitzt hinter Plexiglas, das ihren Stuhl nur auf einer Seite abschirmt. Die Kunden können ihr von rechts nicht zu nahe kommen, dafür theoretisch von links fröhlich ins Gesicht pusten. Logik ist gerade nicht lieferbar.

Wir sind gegangen um nicht wiederzukommen. Und suchen uns lieber woanders ein paar Helden des Alltags. Mir würden da spontan auch gleich ein paar wirklich heldenhafte Berufsgruppen einfallen.

In diesem Laden sind die Helden jedenfalls gerade aus. Haben wir festgestellt.

honestly, why not?

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