STAY HOME ✗ Woche 6 – Wie, Endspurt?

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Von beunruhigenden Meldungen und der Frage, ob man mit etwaigen Lockerungen vielleicht nicht doch besser noch etwas abwarten hätte sollen.

Ich gucke jeden Tag CNN. Das mache ich im Laufe des Tages zwischendurch gerne immer mal wieder. Erstens, weil die Moderatoren mancher Nachrichtensendungen oft kritisch nachfragen. Und so manche Entscheidung der Politik ganz unverblümt einfach hinterfragen. Das finde ich sehr spannend und auch entspannend. Da hat man das Gefühl als Zuschauer, dass man nicht ständig verarscht wird. Gucke ich bei uns Nachrichten, ist die Pandemie fast schon Nebensache. Obwohl sie natürlich Thema Nummer eins bleibt, erscheint sie doch oft zweitrangig. Die Wirtschaft ist vielen einfach wichtiger.

Und zweitens gucke ich CNN weil ich informiert sein will, was in Amerika passiert. Das bekomme ich ja in unseren Nachrichten überhaupt nicht mit. Da wird diskutiert, ob das Abitur nun abgehalten wird oder nicht. Ob Schulen wieder öffnen sollen. Ob denn jetzt der Sommerurlaub gestrichen ist oder ob vielleicht doch alle im August auf Mallorca ihr Bier trinken können. Die wichtigsten Fragen scheinen zu sein: Kann man schon irgendwas buchen? und Wann machen die Schwimmbäder wieder auf?

Ein Leben ohne Pauschalreise mit All-inclusive Bändchen um den Arm oder ein Sommer ohne Schwimmbad scheint in den meisten Köpfen einfach keine Option zu sein.

Ganz nach dem Motto: Virus? Papperlapp! Jetzt muss aber auch mal wieder gut sein. *Ironie aus*
Wichtig auch immer wieder die Frage: Wann kann ich mein Kind endlich wieder in den Kindergarten schicken? Ich bin Alleinerziehend und muss seit Wochen selber auf mein Kind aufpassen. Das ist eine Zumutung! Wo kann ich da was beantragen? Ich will Entschädigung! Ich fühle mich in meinen Persönlichkeitsrechten beeinträchtigt durch diese minderjährige Person, die hier bei mir zuhause sitzt und immer irgendwas will. So stand das nicht im Kleingedruckten.

Schwierig, wenn immer nur die Dichten denken.

Ich brauche Informationen, eine Meinung bilde ich mir selbst.

Charles Dickens

Währenddessen stecken andere Länder der Welt weiterhin fest in den Klauen der Pandemie. Viele haben den Höhepunkt noch nicht einmal erreicht. Menschen sterben. Wir wissen nicht genau, was in Afrika passiert. Ich sehe dort bereits Leute, die einen Supermarkt plündern. Ein Inder weint fast, weil ihm verboten wurde, seine Rikscha zu fahren. Er habe aber nur diese Einnahmequelle und wisse doch jetzt gar nicht mehr, wo er ohne Geld Essen herbekommen soll.

Aus Griechenland hört man auch nichts. Hatten die nicht ein marodes Gesundheitssystem? War da nicht was mit einem Staat der pleite ist und Rentnern, deren Rente gekürzt wurde. Ist das alles vergessen? Eine einzige Meldung aus Griechenland lief in den letzten Wochen über den Äther, in dem es hiess, Griechenland mache alles ganz toll. Oh, okay. Das nehme ich dann als positive Nachricht zur Kenntnis. Scheint also, auch die Finanzkrise in Griechenland ist gebannt? Wann ist das denn passiert? Aber scheint nicht so interessant zu sein. Jedenfalls nicht für die Nachrichten.

Stattdessen höre ich weiterhin immer wieder gebannt derselben Diskussion über Mundschutz und Stoffmasken zu.

Nicht tragen weil egal. Doch tragen weil nicht egal. Nur egal wenn selber nicht krank. Wenn selber krank dann nicht egal. Aber wer weiss schon, ob er krank ist, bei diesem Virus. Und überhaupt. Aber auch das ist egal. jetzt tragen manche auf der Strasse eben Stoffmasken, manche nicht. In Supermärkten tragen wir sie alle. Wenn wir in der Schlange davor stehen nicht. Wir halten Abstand wo wir ihn nicht brauchen und da wo es sinnvoll wäre ist kein Platz für Abstand. Wir sollen shoppen gehen. Hosen anprobieren. Geschäftsinhaber kümmern sich um improvisierte Lösungen. Kleiderbügel werden mit Stangen in die Umkleide gereicht. Aber wird der Bügel selbst auch desinfiziert? Die Umkleidekabine auch? Hat die Hose vorher schon einmal jemand anprobiert, den Metallknopf auch angefasst? Werden die anprobierten Kleidungsstücke gewaschen oder was? Wie soll das überhaupt gehen?

Mittlerweile haben wir ein Update bekommen. Masken tragen ab sofort dann wohl auch deutsche Shoppinger.

Wir hier in Österreich haben uns ja fast schon so daran gewöhnt, dass die Nachricht aus Deutschland fast ein wenig unglaubwürdig klingt. Vor allem, wenn man die Bilder aus grösseren Städten sieht. Menschen, Achtung ich mach eine Schublade auf, Kategorie Student, Alter zwischen 20 und 30, zumindest sehen die Menschen auf den Bildern alle danach aus, sitzen in Grüppchen überall rum. Von Coronakrise keine Spur. Als wäre es nie passiert. Als wäre alles längst vorbei. Und als gehe es uns alle nichts an. Mach die Eisdiele auf, lass uns in den Club gehen. Und vergesst das Wirtschaftswachstum nicht. Kurbeln wir alles an, was vorher eigentlich nicht so toll war. Egal. Weitergehts.

Irgendwo in Deutschland macht ein schwedisches Möbelhaus wieder auf.

Ich hoffe, das Bällebad bleibt noch gesperrt. Es gibt da nämlich noch ein Problem mit Eltern, die sich die letzten Wochen um ihre Kinder selber kümmern mussten. Die würden aus Verzweiflung ihre Kinder wahrscheinlich direkt dort abgeben, allerdings unter einem falschen Namen. Und nie wieder abholen.
Situationen wie “Der kleine Jürgen will aus dem Kinderparadies abgeholt werden!” “Ich heisse Pimpernell-Joost-Friedegund.” “Deine Mama hat aber den Namen Jürgen auf die Abholkarte geschrieben! Also bist du hier bei uns der Jürgen.” wären dann durchaus denkbar.
Und natürlich wird niemand den kleinen Jürgen abholen. Denn die Eltern haben wahrscheinlich nach 6 Wochen Lockdown mit Familienanschluss endgültig die Schnauze voll vom hochbegabten Nachwuchs mit Laktoseintoleranz. Jürgen wird wahrscheinlich im Ikea-Spieleparadies aufwachsen. Er wird immer wieder betonen, dass er Pimpernell-Joost-Friedegund heisst, Laktoseintolerant und hochbegabt sei und zu seiner Mama will. Aber keiner wird ihm jemals glauben. Wenn Jürgen-Pimpernell-Joost-Friedegund 30 wird, bekommt er eine Kötbullartorte und darf die Teelichter dafür selber anzünden. Und sich neue Servietten aussuchen. Seine Eltern werden inkognito am Fenster zum Spieleparadies stehen, ihn angucken und heilfroh sein, dass sie damals die richtige Entscheidung getroffen haben.

Die Bürger des Landes wollen übrigens wieder Eis essen gehen. Auf der Wiese liegen, Freunde treffen und endlich wieder ins Restaurant gehen und feiern. Die Urlaubszeit steht auch vor der Tür. Währenddessen sterben irgendwo auf der Welt Menschen an Covid19. Aber irgendwo ist nicht da, wo die Freizeitenthusiasten leben. Das ist immer woanders. Und sowas passiert sowieso immer nur den anderen.

In den USA gehen Menschen mit zuviel Patriotismus auf die Strasse, um ihre Bürgerrechte einzufordern.

Freie Fahrt für freie Bürger. “Wir lassen uns nicht Einschränken!” steht auf ihren Plakaten. Patriotismus ist ein denkbar schlechter Ratgeber, wenn die ganze Welt vor demselben Problem steht. Aber Patrioten verstehen das nicht. Patrioten sehen nur ihr Land. Und dem geht es gut. Weil die Mandarine mit Puschel auf dem Kopf das so immer sagt. We are Doing a Great Job! America first.

Bitteschön. Wunsch erfüllt. Gerade stehen die Vereinigten Staaten an erster Stelle, wenn es um die Zahl der Infizierten und Toten geht. Great Job! Läuft doch.

Die Patrioten werden wohl bald auch nicht mehr da sein. Die werden sich nämlich nach übermässigem Konsum und Gegurgel mit Desinfektionsmitteln aller Art, dem Trinken von Poolreinigunsmitteln und intravenöser Venenspülung mit Kloputzmittel und zusätzlicher exzessiver UV-Bestrahlung selbst auslöschen. Und die Mandarine wird das alles nicht verstehen und weiterhin von einem Great Job sprechen.

Aber wir brauchen ihn gar nicht zu kritisieren. Den König der USA. Denn wir sind nicht so viel besser. Schliesslich haben auch wir hier genügend Patrioten, die ihre Grundrechte zurückhaben wollen. Und dazu gehört Himmlarschundzwirn nun einmal auch das Fussballspiel, die Flugreise, das Oktoberfest und der Eimer Sangria mit Strohhalm. Und der Aufenthalt im Zweitwohnsitz in einem Freizeitparadies seiner Wahl, bevorzugt im nahen Ausland. Das muss doch wohl möglich sein. Virus hin oder her.

Man möchte ein bisschen kotzen. Aber das macht letztendlich ja auch nichts besser.

Wenigstens das Oktoberfest wurde abgesagt. Wahrscheinlich werden aber die Porschefahrenden Brauerei-Besitzer und Zeltfest-Veranstalter gebührend subventioniert. Das muss man schon machen. Da hängen ja so viele Arbeitsplätze dran!

Ist eigentlich bis jetzt nur mir aufgefallen, dass reiche Länder wie Deutschland nur funktionieren, weil Gastarbeiter aus Billiglohnländern die ganze Arbeit machen? Merke eigentlich nur ich, dass das ganze Wirtschaftssystem, so wie es aufgebaut ist, hinten wie vorne wackelt? Ein Virus führt mir das gerade ziemlich klar vor Augen. Wir sind also nur so reich und funktionieren so gut, weil Leih- und Gastarbeiter mit Niedriglohnjobs die Wirtschaft am Laufen halten. Echt jetzt? Wieso zahle ich eigentlich soviel Geld für frischen Spargel, wenn der von Saisonarbeitern aus Billiglohnländern gestochen wird? Und das für wenig Geld? Hat eigentlich jemals einer durchgerechnet, was da so am Ende für den Spargelbauern hängen bleibt? Ich bleibe irritiert.

Ich lese nun auch schon zum wiederholten Male, dass einige bereits an Covid19 Erkrankte und wieder für gesund befundene Patienten erneut positiv getestet wurden. Und wir denken über Restaurantbesuche nach. Ich will ja nicht schon wieder klugscheissen, aber ich möchte kurz mal, nur fürs Protokoll, meine Skepsis kundtun. Danke.

Aber findige Tüftler haben die Plexiglasscheibe entdeckt. Die wir jetzt einfach überall montiert, wo sie montiert werden kann. Dann wird alles wieder gut. Plexiglas scheint das neue Allheilmittel.

Wir werden also alle einfach die nächsten Wochen in Klarsichtfolie gewickelt vor uns hin schwitzen. Im eigenen Saft. Hauptsache der Rubel rollt wieder.

Ich hege ehrlich gesagt noch keinerlei romantische Gefühle für das Wort Endspurt, wenn es im Zusammenhang mit dieser Pandemie genannt wird. Und doch stehen in der Bevölkerung bereits alle Zeichen auf der Erfüllung des Slogans “wir wollen unser Leben und unsere Freiheit wieder zurück.” Ich bleibe lieber noch zurückhaltend und durchaus altbewährt skeptisch.

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